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Ludwig Hohlwein — fatal genial – toxic brilliance

Der schöne Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Wiesbaden


Ludwig Hohlwein (1874–1949). fatal genial – toxic brilliance

Herausgegeben von Sabine Philipp und Vera Klewitz. Mit einem Grußwort von Helmut Nehrbaß und einem Vorwort von Sabine Philipp. Katalog- und Abbildungstexte von Hans-Georg Böcher. Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden 2021, 76 Seiten, 82 teils ganzseitige Farb-Abbildungen. ISBN 978-3-9812439-7-0. 9,80 Euro.

 

 

Der 1874 in der damaligen Kurstadt Wiesbaden geborene Ludwig Hohlwein hat das Verpackungsdesign entscheidend geprägt. Als Architekt, Möbeldesigner, Maler, Plakatkünstler und Werbegrafiker über ein halbes Jahrhundert tätig – in einer der durch die knappe Abfolge der gesellschaftlichen Umbrüche aufregendsten und facettenreichsten Stilepochen der Kunstgeschichte – wurde Hohlwein bereits mit seinem werbegrafischen Frühwerk zum Vorreiter des modernen Marketings.

 

Der aufgrund der coronabedingten langen Schließung der gleichnamigen Ausstellung im Nachgang entstandene und reich bebilderte Katalog arbeitet anschaulich die Ambivalenz im Gesamtwerk des Wiesbadener Gebrauchsgrafikers heraus, welche der gleichlautende Titel „fatal genial“ widerspiegelt: Auf der einen Seite Hohlweins fatale Hinwendung zur nationalsozialistischen Ideologie, in deren Dienste er seine Begabung und sein künstlerisches Schaffen zunehmend stellte; auf der anderen Seite die Genialität seiner revolutionierenden Erfindungen auf dem Gebiet des Werbeplakats und des Produktdesigns.

 

Die ersten zehn Seiten zeigen in einem mit 38 kleinformatigen Farb-Abbildungen reich illustrierten Zeitstrahl die gesellschaftspolitischen Ereignisse vom Kaiserrreich bis zum Ende des Nationalsozialismus auf, die Hohlweins künstlerischen Werdegang überspannt haben.

 

Im Anschluss zeichnet Hans-Georg Böcher, profunder Kenner des Marken- und Verpackungsdesigns, welcher zugleich Leihgeber und Kurator der Wiesbadener Ausstellung ist, in sieben Kurztexten und 44 textbegleitenden, teils ganzseitigen Farb-Abbildungen sowie drei farbig unterlegten grafischen Reproduktionen das facettenreiche und widersprüchliche Schaffen des Künstlers.

 

In der Einleitung umreist Böcher die Pionierrolle Ludwig Hohlweins in der Etablierung des Markenwesens in Deutschland, der für ein Münchner Modehaus bereits ab 1907 eines der ersten „Corporate Identity“-Konzepte der Welt umsetzte. Sodann wie Hohlwein von einem anerkannten „Malerfürsten“ kunstakademischer Prägung des ausklingenden 19. Jahrhunderts zu einem bekannten Werbeentwickler wurde und bereits um 1900 das Genre der „Gebrauchskunst“ mit der Entwicklung eines eigenen Markenzeichens in Form seiner unverkennbaren, stilisiert-abstrahierten Signatur bahnbrechend aufwertete. Hohlweins Anfänge vom Job in einem Wiesbadener Architekturbüro, seinem Architekturstudium und den Möbelentwürfen als selbstständiger Innenarchitekt in München bis hin zu einem gefragten Gebrauchsgrafiker mit zahlungskräftigen Auftraggebern sind weitere Themen.

 

Da Hohlwein einigen Zigarettenfabriken aus seiner Wirkungszeit in Wiesbaden verbunden war, entwarf er schon bald nach 1900 das Verpackungsdesign für die Zigaretten der Firma Menes, sodass ihm später sogar eine eigene Marke, die sog. Hohlwein-Zigarette, gewidmet wurde. Mit dem eigenen Signet auf der Verpackung etablierte er sich hier selbst zum Bestandteil des Markenversprechens, wie Böcher in einem weiteren Abschnitt schreibt.

Hiermit war der Grundstein für die Verwendung von Monogrammen einschlägiger Designer für Werbelogos gelegt.

 

Das folgende Kapitel beschreibt die stilprägenden Innovationen Ludwig Hohlweins – wie der von ihm erfundene „Quadratstil“ – in der deutschen Plakatkunst um 1910, die seine Plakatentwürfe unverkennbar machten.

 

Anhand von Hohlweins Kreation von ‚Merchandise-Entwürfen aus einer Hand‘ für das Münchener Modehaus Scherrer von 1907 hebt Böcher im nächsten Abschnitt den Künstler als „strategischen Marketing-Pionier“ hervor, dessen einheitliches Gestaltungskonzept einer Marke ihn als Wegbereiter der heutigen Corporate Identity (CI) defininiert.

 

Zusammenfassend veranschaulicht der Autor Hohlweins Entwicklung von einem mit Aufträgen gesegneten Gebrauchsgrafiker, dessen nahezu revolutionierende Entwürfe kurz nach 1900 in ihrer Genialität der Zeit weit voraus waren, hin zur profitorientierten Marken-Agentur der 1930er Jahre – ein Künstler dem in Anpassung an die ideologischen Erwartungen seiner NS-Auftraggeber der einstige Erfindergeist auf fatale Weise abhanden gekommen war.

 

Uta H. Fötzsch, Deutsches Verpackungs-Museum


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